Echt wahr!

Predigt zum Fest Allerheiligen 2017 in St. Agatha von Johannes Kaiser


(Schrifttexte: Off 7, 2 – 4 / 1 Jo 3, 1 – 3 / Mt 5, 1 – 12a)
“Papa, könntest du wohl bei deinem Chef ein gutes Wort für mich einlegen, damit ich bei euch
in der Firma mein Praktikum machen kann.“ So bat der Sohn meines Freundes seinen Vater.
Der Junge möchte sich die Nähe seines Vaters zum Firmeninhaber also zu Nutze machen, um
eine Praktikumsstelle zu bekommen. So oder ähnlich spielt sich vieles bei uns im Großen und
im Kleinen ab. Wir nutzen oft diese Fürsprecher, um etwas zu erreichen, von dem wir glauben,
es ohne Mithilfe nicht zu bekommen. In Wirtschaft und Politik ist das genauso. Das hat es zu
allen Zeiten und in allen Kulturen gegeben.
Dies gibt es auch in unserer Kirche. Heilige, von denen wir überzeugt sind, dass sie in der Nähe
Gottes sind, bitten wir, für uns Fürsprecher bei Gott zu sein. Als Menschen können wir über
den unzugänglichen Gott nur mit menschlichen Bildern und in menschlicher Sprache und vor
dem Hintergrund unserer menschlichen Erfahrungen reden, wissend, dass wir den großen
Gott nie ganz erfassen können. Die im Laufe der Kirchengeschichte zunehmend übertriebene
Heiligenverehrung wurde insbesondere von Martin Luther scharf kritisiert. Zu Recht! Er fragte
etwa, ob denn Heilige für uns Fürsprecher sein müssten. Das würde ja bedeuten, dass Gott für
uns nur schwer erreichbar sei. Eine schwierige Frage.
Und vor dem Hintergrund möchte ich Sie jetzt einladen, mit mir über Heilige und das Heiligsein
nachzudenken.
In der Sprache Jesu, dem Hebräischen, bedeutet das Wort gados (heilig) so viel wie
herausgehoben, besonders, einmalig sein. Paulus redet die ersten Christen in seinen Briefen
oft als Heilige an. In der Lesung aus dem ersten Johannesbrief hörten wir gerade, dass auch
Johannes sagt, wir seien heilig, also herausgehoben, einmalig, besonders. Als Christen glauben
wir, dass Gott jeden von uns bei unserem Namen gerufen hat, also uns gemeint hat als er uns
durch unsere Eltern das Leben gab. Wir sind verdankte Existenz. Und aus dieser Dankbarkeit
heraus möchten wir unser Leben so ausrichten, wie Jesus, in dem Gott ein Gesicht bekommen
hat, es gewollt hätte. Im gerade gehörten Evangelium benennt Jesus zentrale Vorstellungen
von einem Leben in seiner Nachfolge. Die, die so leben, nennt Jesus selig, was hier ‚glücklich‘
bedeutet.
· Jesus preist Menschen selig, die arm sind und keine Lobby haben.
· Jesus preist Menschen selig, die verfolgt werden und unter ihren Gegnern zu leiden
haben.
· Jesus preist Menschen selig, die nach ihrem Gewissen leben und einfach tun, was
ihrem menschlichen Gespür nach recht ist.
· Jesus preist Menschen glücklich, deren Denken, Fühlen, Empfinden und Streben ganz
auf das Reich Gottes ausgerichtet ist. Das ist ihr höchster und wichtigster Wert.
Heilig im Sinne Jesu sind demnach solche Menschen, die das Reich Gottes zum höchsten Ziel,
zum Mittelpunkt ihres Lebens machen. Es kümmert sie nicht, dass sie dadurch unter
Umständen auf die Verliererseite geraten.
Wie eben schon angedeutet, war die Kirche lange Zeit bemüht, die Biografien der von ihr
heiliggesprochenen Menschen den einfachen Gläubigen gegenüber als lupenrein und nahezu
sündenfrei darzustellen. Die Heiligenforschung sagt uns aber schon länger, dass alle diese
Menschen auch ganz menschliche Schwächen hatten, dass sie auch mit Gott und um ihn
gerungen haben. Aber dann gab es Ereignisse in ihrem Leben, die sie innehalten ließen, um
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dann ihr Leben neu zu justieren. Heilige sind nicht unbedingt Menschen, die immer mit Gott
einig waren. Die hl. Therese von Lisieux etwa, die ihr Leben lang ein inniges Verhältnis zu Gott
gehabt hat, wurde auf ihrem Sterbebett von Zweifeln nur so überrollt, dass sie sogar Gott
leugnete, ihn aber gleichzeitig für ihre Zweifel immer um Verzeihung bat. Oder die
Botschafterin der Nächstenliebe, die heilige Mutter Theresa, sie war – wie wir aus ihren
Tagebüchern wissen – lebenslang von Zweifeln erfüllt, was es mit diesem Gott wohl auf sich
hat. Und solches Licht und solche Schatten könnten wir bei allen Heiligen finden. Sie haben
gebetet, nachgedacht, mitunter auch viel studiert und sich für das Heutig werden des Reiches
Gottes eingesetzt. Aber sie sind nie an ein Ende gekommen. Gott ist eben immer größer als all
unser Begreifen. Aber dennoch war Gott für sie eine innere Realität. Das drückt sich auch in
dem Satz der evangelischen Theologin Dorothee Sölle aus, der mich sehr berührt: “Am Ende
der Suche nach Gott steht keine Antwort, sondern eine Umarmung.“
Und wir hier heute in Münster Südost und hier in der Agathakirche – was heißt das alles für
uns? – Wie konkretisiert sich für uns die Frage, was Gottes Auftrag an jeden Einzelnen von uns
ist angesichts seiner Aufforderung, „das Reich Gottes zum Mittelpunkt unseres Lebens zu
machen“? Da dürfen wir zunächst und vor allem auf sein Gebot vertrauen: „Liebet einander,
wie ich euch geliebt habe.“ Und das äußert sich in ganz konkreten, nur scheinbar schlichten
Dingen wie etwa: ein barmherziger, wohlwollender, nachsichtiger Umgang miteinander, ein
Kind trösten, dem Partner / der Partnerin gerne zuhören, dem Kollegen/der Kollegin am
Arbeitsplatz helfen; am Nachbarn nicht achtlos vorbei gehen; da, wo wir Unrecht in unserer
Umgebung sehen, nicht zu schweigen, sondern helfend einzugreifen oder für Hilfe zu sorgen.
Das ist von uns gefordert – jeden Tag neu. Und als Christen tun wir das, weil alle die, die mit
uns leben, gleichfalls von Gott geliebt sind. Das ist im tiefsten unsere Motivation als Christen.
So zu leben versuchen, das etwa ist heiligmäßiges Leben, wie Jesus es vorgelebt hat und wenn
er auch uns auffordert: „Suchet zuerst das Reich Gottes“. Das Reich Gottes konkretisiert sich
auch in unserem Nächsten, es konkretisiert sich auch darin, dass wir immer wieder mit Gott
in Beziehung treten und uns fragen: Was will Gott jetzt von mir? Das haben sich all die Männer
und Frauen, die die Kirche offiziell heiliggesprochen hat, in ihrer jeweiligen Zeit auch immer
gefragt. Dabei ist das Gebet und das Stillwerden wichtig, um offen zu werden für Ihn. In
unserer Gemeinde gibt es manche Angebote, die uns helfen können, die Antwort auf die
Frage: „Was will Gott jetzt von mir?“ zu finden. Beispielhaft nennen darf ich in diesem
Zusammenhang unsere Gottesdienste oder die Bibelkreise. Hier versuchen wir auf Gottes
Wort zu hören und uns zu fragen, was sein Wort für uns heute bedeuten kann. Nutzen Sie
doch gerne solche Angebote.
Mit einem letzten Gedanken möchte ich schließen: Für mich steht das Fest Allerheiligen für
die Lebendigkeit der Kirche durch die Zeit hindurch. Für alle Epochen der Kirchengeschichte
stellt uns die Kirche Menschen vor, die mit all ihren Stärken und Schwächen in ihrer jeweiligen
Zeit versucht haben, für das Reich Gottes zu arbeiten. Und diese stehen wiederum
stellvertretend für all die Unbekannten, die gleichfalls in ihrem Leben danach gestrebt haben,
den Willen Gottes in ihrem konkreten Leben zu erfüllen. Das Fest möchte uns spüren lassen,
dass Sie und ich, dass wir nicht allein unseren Weg gehen. Wir sind eingebunden in die große
Schar der Gemeinschaft aller Heiligen im Himmel und auf Erden, der bekannten und
unbekannten. Das Wissen darum und das innerliche Eintauchen in diese große Gemeinschaft
kann uns Kraft geben, unseren je eigenen Weg zu gehen. Das Bewusstsein, in der und mit der
Gemeinschaft aller Heiligen zu leben, kann uns die Wärme und Geborgenheit schenken, die
wir so oft vermissen. Und in diesem Sinne dürfen wir getrost alle bekannten und unbekannten
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Heiligen ganz menschlich bitten, bei Gott für uns Fürsprecher zu sein. Nicht weil Gott für uns
nur schwer erreichbar wäre – wie Martin Luther kritisierte- sondern weil es uns im
Bewusstsein unserer Schwächen manchmal einfacher erscheint, den „Umweg“ über einen
Fürsprecher zu nehmen, ein Vorbild zu haben und nicht alleine zu sein. So können wir immer
wieder ermutigt werden, in unserem konkreten, kleinen und doch so einmaligen Leben am
Reich Gottes in unserer je eigenen Umgebung mitzuwirken. So gut wir es vermögen! Am Ende
unseres Lebens steht dann SEINE liebende Umarmung für jede und jeden von uns. AMEN!
(Johannes Kaiser)

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